Das Ende der Wegwerf-Gesellschaft

Die Umwelt als Müllkippe

Was haben ein Staubsauger, ein Kronleuchter und ein Müllkarren gemeinsam? Sie wurden zusammen mit dem üblichen Verpackungsmüll aus dem Canale Grande gefischt. Man glaubt es kaum, aber in Venedig ist es zur Tradition geworden, dass die Gondolieri in der Nebensaison in Taucheranzüge schlüpfen und den Canale Grande vom Müll befreien. 2,5 Tonnen Abfall waren’s im November 2019. Ähnliche Aufräum-Aktionen kenne ich aus Hamburg. Bei der jährlichen Aktion „Hamburg räumt auf“ ziehen Taucher der Hamburger Feuerwehr regelmäßig Fahrräder, Mopeds, Einkaufwägen und Verkehrsschilder aus der Alster. Sogar ein Zigarettenautomat kam zum Vorschein. Natürlich auch jede Menge Flaschen. Was sagt das über unsere Gesellschaft aus?

Wissen Sie, welche Gegenstände am häufigsten im Meer landen? Zigarettenkippen. Man drückt sie im Sand aus, schnipst sie weg… Der Berliner Stephan von Orlow hat eine Online-Petition gestartet. Er fordert: „20 Cent Pfand pro Zigarettenstummel“. Pro Schachtel kämen 4 Euro Pfand zusammen. Würden Sie 4 Euro einfach so wegschnipsen? Stand 14. April 2020 hat die Initiative schon mehr als 67.000 Unterzeichner zusammen und ist offen für kreative Ideen, wie man ein solches Pfandsystem in der Praxis umsetzen könnte.

Petition | 20 Cent Pfand pro Zigarette

Anreize oder Strafen?

Sobald Flaschen mit einem Pfand versehen sind, gehen wir erstaunlich sorgsam mit ihnen um. Für 25 Cent Pfand bringen wir jede einzelne Plastikflasche brav zum Händler zurück. Bei unserem Straßenfest lag am späten Abend kein einziger Plastikbecher auf der Straße. Warum? Weil es auf jeden Plastikbecher 1 Euro Pfand gab.

Solche Beobachtungen lassen vermuten, dass sich unsere Gesellschaft bewusster verhalten würde, sobald ein entsprechender Anreiz ins Spiel gebracht wird. Wäre es nicht einen Versuch wert, das Pfandsystem auf weitere Verpackungen und Produkte auszuweiten? Damit auch die Rückgabe funktioniert, müsste eine aufwändige Logistik aufgebaut werden. Das wäre zwar teuer – aber der Preis, den die Gesellschaft dann zahlen muss, wenn sie nicht in der Lage ist, sich verantwortungsvoll zu verhalten.

Eine andere Möglichkeit, das Verhalten der Menschen in den Griff zu bekommen, wären konsequente Kontrollen und drastische Strafen. Wenn Sie in Singapur eine Zigarette wegschnipsen, kostet Sie das umgerechnet 1.300 Euro. Beim 2. Mal sind Sie mit 2.600 Euro dabei. Beim 3. Mal sind 6.500 Euro fällig. Singapur ist eine der saubersten Städte weltweit.

 

Unser Lebensstil schadet anderen

Welche Optionen haben wir denn als Gesellschaft, wenn unser Lebensstil anderen schadet? Die Kippen am Strand, in Grünanlagen oder öffentlichen Plätzen sind ja nicht nur ein ästhetisches Problem. Zigarettenfilter bestehen aus biologisch schwer abbaubarem Zellulose-Azetat. Sie enthalten außerdem unzählige Giftstoffe wie Arsen, Blei und Nikotin. Die Giftstoffe gelangen bei Regen in den Boden und von dort ins Grundwasser oder direkt in die Flüsse, Seen und Meere. Untersuchungen mit Mikroorganismen, Wasserflöhen oder Forellen haben gezeigt, wie schnell die Lebewesen in dem belasteten Wasser verenden. Aber wen kümmert das schon. Sind ja nur Tiere.

In Deutschland werden jeden Tag zig-tausende Nutztiere geschlachtet, die niemals gegessen werden. Sie werden geboren, um in der Tonne zu landen. Vergammelt das Hack im Kühlschrank, wird es weggeschmissen. Ist ja nur Fleisch.

In der Bekleidungsindustrie gab es früher den Sommer- und Winterschlussverkauf. Heute jagt ein Super-Sale den nächsten. Textilien sind schon nach mehrmaligem Tragen löchrig. Wird halt was Neues gekauft. Kostet ja nix. Ein Smartphone wird im Schnitt alle 2 Jahre gewechselt, weil Produkte auf den Markt kommen, die noch mehr können als das Vorgängermodell. Wer will schon ausgelacht werden, weil er immer noch ein altes Smartphone hat? Dem Trend zu widerstehen, fällt schwer. Man ist entsetzt über die miserablen Arbeitsbedingungen in vielen Billiglohnländern. Man schüttelt den Kopf über die widerwärtigen Haltungsbedingungen der industriellen Tierproduktion. Beim nächsten Angebot wird trotzdem wieder zugegriffen. Und – schwupps – wird ein Markt unterstützt, der zutiefst unethisch und umweltfeindlich geworden ist.

 

Der „Earth Overshoot Day“

Nun bewirkt der exzessive Konsum ebenfalls, dass der Bedarf an Ressourcen weltweit wächst. Allerdings sind die vorhandenen Ressourcen endlich. Wenn alle Menschen auf diesem Planeten nach dem Lebensstandard und Ressourcenverbrauch leben würde wie wir Deutschen, bräuchten wir sage und schreibe 3,2 Erden. Das „Global Footprint Network“ berechnet jedes Jahr, wie sehr der weltweite Ressourcenverbrauch wächst. Der „Earth Overshoot Day“ („Weltüberlastungstag“) ist der Tag des laufenden Jahres, an dem der weltweite Verbrauch von nachwachsenden Rohstoffen die Kapazität der Erde zur Reproduktion dieser Rohstoffe übersteigt. Würde es ein Gleichgewicht von Nachfrage und Reproduktion geben, wäre dieser Tag erst am 31. Dezember. In den letzten 20 Jahren ist dieses Datum jedoch immer weiter nach vorn gerückt. Wir verbrauchen mehr, als die Natur reproduzieren kann.

Würde die gesamte Menschheit einen Lebensstil führen wie die Deutschen, bräuchten wir 3 Erden. Im Jahr 2020 wären die nachwachsenden Ressourcen schon am 3. Mai aufgebraucht.

Country Overshoot Days 2020

Deshalb rufen immer mehr Menschen zu einem nachhaltigen Lebensstil auf, damit wir mit den vorhandenen Ressourcen verantwortungsbewusster umgehen.

Mit Kreislaufwirtschaft in die Zukunft

Jetzt stellen Sie sich mal was ganz Verrücktes vor. Wie wäre es, wenn es keinen Müll mehr gäbe, sondern nur noch Wertstoffe. Weil nur noch solche Produkte hergestellt werden, die für die Umwelt unschädlich sind oder immer wieder recycelt werden können. Abfall wäre dann immer wieder das Ausgangsprodukt für etwas Neues. Das Prinzip nennt sich „Cradle to Cradle“ („Von der Wiege bis zur Wiege“). Kreislauf-Wirtschaft.

Kreislaufwirtschaft

Vielleicht wird es in ein paar Jahren Standard sein, dass Hersteller gleichzeitig auch Recycler sind, weil es der Gesetzgeber so vorgibt oder weil manche Rohstoffe gar nicht mehr verfügbar sind.

Im Moment bedienen wir uns, solange es geht. Wozu an morgen denken? Warum sollten ausgerechnet wir die Dummen sein, die aufwändig recyceln, während alle anderen so weitermachen wie bisher?

 

Ein Shutdown als Reset-Taste

Selten waren die Ausmaße unseres Lebensstils so deutlich zu sehen, wie in der Corona-Krise. Seitdem die Menschen verstärkt zu Hause bleiben, erholt sich die Natur. Wie viel sauberer allein die Luft geworden ist, zeigten Anfang März vergleichende Satellitenaufnahmen von NASA und ESA. Der Anteil der Stickoxide ist deutlich zurückgegangen. Durch den „Shutdown“ sind weniger gesundheitsschädliche Industrie- und Autoabgase in der Luft.

Brauchen wir einen „Shutdown“, um die Städte gesund und sauber zu halten – oder bekommen wir das auch mit einem nachhaltigen Wirtschafts- und Lebensstil hin? Letzteres wäre mir persönlich lieber.

 

Wie geht nachhaltiges Wirtschaftswachstum?

Wenn es mir wichtig ist, verantwortungsbewusst mit Ressourcen umzugehen, finde ich Mittel und Wege, mein Geschäftsmodell umzugestalten oder neu auszurichten. Es gibt keine „Anleitung“, wie man nachhaltig wirtschaftet. Nachhaltigkeit ist eine ganz klare Einstellungsfrage. Hier mal eine Handvoll Beispiele:

  1. Ein Unternehmer aus Hennef stellt Verpackungen für den Lebensmittelhandel aus Graspapier her. Er hat nach Alternativen für die Papierherstellung aus Holz gesucht. Dabei stieß er auf die hervorragenden Eigenschaften von Heu, das in der Landwirtschaft zuhauf anfällt.
  2. Eine junge Firma aus Belgien stellt mit 3D-Druck Sonnenbrillen aus Kunststoff-Abfällen her.
  3. In Istanbul können Sie in der U-Bahn-Station leere Plastikflaschen abgeben und damit das Guthaben Ihrer Fahrkarte aufladen.

Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Die einzige Grenze stellt sich jeder selbst: „Bin ich bereit, alte Gewohnheiten zu ändern?“. In der Bereitschaft zur Veränderung liegt der Kern. Das zeichnet auch erfolgreiche Unternehmer aus: Selbst in der Krise probieren sie Neues aus – und fallen sie hin, stehen sie wieder auf.

Was wir dafür brauchen, sind Vorbilder aus Poltik, Wirtschaft und Gesellschaft, die genau diesen offenen Umgang mit Veränderung vorleben. Damit sich ein Klima etablieren kann, wo kreative Ideen geboren – und nicht behindert werden.

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