Lebensqualität auf engem Raum

Krisen als Chance für einen Neuanfang

Die Geschichte vieler Städte wurde immer wieder von schweren Krisenzeiten geprägt. Seuchen, Kriege oder Brände führten zu schmerzhaften Schicksalsschlägen und einer langen Zeit der Entbehrungen. Oft wirkten die schockartigen Ereignisse aber auch wie ein Katalysator. In kurzer Zeit wurden die bestehenden Strukturen an die veränderten Bedingungen angepasst und der hemmende Ballast über Bord geworfen. Die Krise wurde als Chance für einen Neuanfang genutzt.

In Hamburg zum Beispiel zerstörte der Große Brand von 1842 ein Drittel der Stadt. Das lag nicht nur an der dichten Bebauung. Es lag auch an den Unzulänglichkeiten bei der Löschwasserversorgung. Schon ein paar Tage nach dem Großen Brand legte der bekannte Londoner Ingenieur William Lindley seine Pläne für eine zentrale Kanalisation und Frischwasserversorgung vor. Das einschneidende Ereignis verhalf den Hamburger Haushalten zu „fließend Wasser“. Hamburg erhielt das zu damaliger Zeit modernste unterirdische Rohrleitungssystem auf dem europäischen Festland.

 

Wachsende Städte

Andere Krisen tauchen nicht plötzlich aus dem Nichts auf. Sie vollziehen sich über einen langen Zeitraum wie beispielsweise der Mega-Trend der Urbanisierung. Weltweit verlassen die Menschen die Provinz, um in den Metropolregionen ihr Glück zu finden.

Sehen wir uns die Zahlen für Deutschland an: Nach Berechnungen der Vereinten Nationen werden in den nächsten 30 Jahren hierzulande 87 Prozent der Menschen in Städten leben. Die Folgen des derzeitigen Stadt-Land-Gefälles sind jetzt schon deutlich zu spüren. In den Großstädten werden bezahlbare Wohnungen immer knapper und der Pendelverkehr ins Umland wächst. Das stellt die Städte vor große Herausforderungen. Luftverschmutzung und Lärm, Stau und Stress sind der Preis für die zunehmende Verdichtung. Noch nie haben so viele Menschen auf engem Raum zusammengelebt, wie derzeit. Für dieses Bevölkerungsaufkommen wurden die meisten Städte einfach nicht konzipiert.

 

Gesundheit durch urbane Grünräume

Um die Gesundheit der Stadtbewohner zu verbessern, spielen Grünräume eine zentrale Rolle. Im Wettbewerb der Kommunen sind sie bereits ein wichtiger Standortfaktor. Immer mehr Menschen, die in die Städte ziehen, verlangen nach einem gesunden Wohn- und Arbeitsumfeld.

Stadtbäume und Parks, begrünte Fassaden und Dächer, blühende Verkehrsinseln und Vorgärten, bepflanzte Baumscheiben und Blumenkästen sind weit mehr als hübsche Gestaltungselemente. All diese Grünräume säubern die Luft und sorgen für ein angenehmes Mikroklima. Sie dämpfen den Lärm und spenden Schatten. Sie entziehen der Luft das Treibhausgas Kohlendioxid und wandeln ihn in Sauerstoff um. Sie sind Rückzugsorte für Tiere und fördern den Artenschutz. Sie speichern das Regenwasser, tragen zur Grundwasserbildung und zum Bodenschutz bei. Sie sind Naherholungsorte, fördern das nachbarschaftliche Miteinander und regen zu körperlichen Aktivitäten an. Kurzum: Grünräume verbessern das Wohlbefinden aller.

In Studien hat man den Erholungsfaktor von urbanen Grünräumen untersucht und herausgefunden, dass die unmittelbare Nähe zu Grünflächen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaf-Störungen reduziert. Jeder noch so kleine Flecken Grün hilft dabei.

Bepflanzte Verkehrsinsel in der Bretagne

Beispiele aus aller Welt

Es gibt unzählige Flächen, wo sich urbane Betonwüsten aufbrechen ließen – zum Nutzen für die Bewohner und die lokalen Unternehmen

  1. Bei unseren Nachbarn in Frankreich hat das Bepflanzen der öffentlichen Plätze eine lange Tradition. Seit 1959 gibt es einen Wettbewerb um die schönsten bepflanzten Städte und Dörfer. Der „Concours des villes et villages fleuris“ will die Gemeinden anregen, das Lebensumfeld der Einwohner zu verschönern und Touristen einen einladenden Empfang zu bieten. Über 4.000 Gemeinden haben sich seitdem das Label „ville fleurie“ oder „village fleuri“ erkämpft. Mit diesem Label wird der Besucher am Ortseingang oder im Internet begrüßt.
  2. In der niederländischen Stadt Utrecht wurden über 300 Bushaltestellendächer bepflanzt.
  3. In Nizza fährt die Straßenbahn über Rasengleise. Sie riechen das frische Grün, das entsprechend gepflegt wird.
  4. In Mailand hat der italienische Architekt Stefano Boeri mit seinen begrünten Hochhäusern „Bosco Verticale“ bewiesen, dass 7.000 m2 Waldfläche auch in die Höhe wachsen kann.
  5. Und die New Yorker haben mit dem High Line Park in Manhattan vorgemacht, wie man eine ehemalige Hochbahntrasse in eine öffentliche Naherholungs-Parkanlage verwandeln kann.

Wo wir uns wohlfühlen, verweilen wir länger.

Folgen des Klimawandels dämpfen

Wissenschaftler empfehlen es: wir sollten uns viele kleine „Bullerbüs“ in die Städte holen. Auch um die Folgen des Klimawandels zu mildern. Hitzeperioden, Überschwemmungen oder Stürme treffen die Städte mit immer höheren wirtschaftlichen Verlusten. Viele teure Klimafolgen ließen sich mit vielfältigen Gegenmaßnahmen dämpfen. Das würde auch den CO2-Abdruck senken. Denn die Städte emittieren rund 70 Prozent der weltweiten Treibhausgase. Metropolregionen können also Teil der Lösung sein. Und die ermutigenden Beispiele aus aller Welt zeigen, welche Chancen sich für die ökonomische, soziale und ökologische Stabilität der Städte eröffnen.

Manche Konzepte mögen im ersten Moment drastisch oder ungewöhnlich erscheinen. Der Mensch neigt dazu, Ungewohntes zunächst kritisch zu beäugen. Die Angst vor einem ungewissen Ausgang verdeckt jedoch den Blick auf das Wesentliche: in jeder Krise steckt die Chance für einen Neuanfang!

 

Visionen zur Stadt der Zukunft

Wie könnte eine zukunftsfähige Stadt aussehen? In „meiner“ Stadt der Zukunft durchbricht ein Netz aus kleinen, grünen Oasen die urbanen Betonwüsten. Diese Grünräume sorgen für ein gesundes Mikroklima, kühlen Asphalt und Fassaden, sind Rückzugsorte für Tiere und Erholungsorte für die Bevölkerung. Endlich macht das Radfahren Spaß. Auch ist das Radwegenetz komplett barrierefrei. Und das öffentliche Nahverkehrsnetz ist so attraktiv geworden, dass es sich lohnt, das Auto stehen zu lassen. Gleichzeitig erleben Industriebrachen als lebendige Wohn-Quartiere eine Renaissance. Solarpanels auf den Dächern versorgen die Quartiere zudem mit preiswertem Strom. Smarte Stromnetze steuern im gesamten Stadtgebiet die Erzeugung, die Speicherung und den Verbrauch der benötigten Energie. Selbst die Abwärme der Rechenzentren wird weiterverwertet. Sie wird ins Fernwärmenetz eingespeist – oder findet in der Nachbarschaft dankbare Abnehmer. Dadurch kann selbst die mehrstöckige Plantage beheizt werden, in der die Quartiers-Bewohner exotische Früchte anbauen. Das Leben in den Stadtvierteln ist bunt, vielfältig und gemeinschaftlich. Die meisten Menschen haben aus den Krisenzeiten gelernt. Das urbane Miteinander beruht jetzt auf zwei Grundwerten: sie heißen Respekt und Verantwortung.

Die deutsche Lyrikerin Roswitha Bloch sagte einmal:

„Der Atem der Bäume schenkt uns das Leben.“

Mit diesem Satz möchte ich das Kapitel 1 „Lebensraum Stadt“ beschließen. Es gibt in unseren Städten unzählige tote Flächen. Sorgen wir mit Bäumen und begrünten Oasen dafür, dass sich diese toten Flächen wieder in einladende Lebensräume verwandeln, die Leben und Lebensfreude schenken.

Begrünte Wand | Tankstelle Lissabon

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